30. November 2016 | pArtikel drucken | kKommentieren

Vielen deutschen Unternehmen fehlt Digitalisierungs-Strategie

Die Digitalisierung ist auch in der deutschen Industrie angekommen – jedoch in einem Maß, das oftmals nicht ausreicht, um im internationalen Wettbewerb erfolgreich zu bleiben. So ist die Strategie hin zur Digitalisierung in vielen Unternehmen noch unzureichend.

Kaum ein Unternehmen hat heute keine digitale Vision. Der Wille, Prozesse zu digitalisieren ist da, doch eine vernünftige Strategie fehlt dennoch oft. Genau das wird in solchen Digitalisierungsprojekten aber immer öfter zum Problem.

Guter Wille allein reicht nicht

Zwar haben in der produzierenden Industrie heute nahezu alle deutschen Firmen, vom Mittelständler bis zum Großkonzern, den Entschluss gefasst, im Zuge der Digitalen Transformation Strukturen innerhalb des Unternehmens zu digitalisieren. In der Praxis stoßen sie dann aber häufig auf massive Probleme zum Beispiel unklare Verantwortlichkeiten, zu starre Strukturen oder Zeitprobleme bei der Umsetzung.

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All das deutet klar auf eine fehlende Digitalisierungsstrategie hin. Diese Meinung vertritt auch Ralf Sauter, Tech-Stratege des Beratungshauses Horváth. Seiner Einschätzung nach haben in Deutschland nur 20 bis 30 Prozent aller Unternehmen tatsächlich eine umfassende Strategie definiert – im internationalen Vergleich hat Deutschland hier noch einiges aufzuholen.

Eine Studie des Beratungshauses Accenture aus dem vergangenen Jahr stützt diese Einschätzung mit konreten Zahlen: Von 100 möglichen Punkten, die die deutsche Volkswirtschaft im Rahmen der Untersuchung bezüglich der Digitalisierung erreichen konnte, kam sie lediglich auf einen Wert von 51,9. Damit lag Deutschland nur im Mittelfeld der 17 untersuchten Länder. Zum Vergleich: Spitzenreiter in puncto Digitalisierung waren die Niederlande mit einem Wert von 75,1, gefolgt von den USA mit 65 Punkten.

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Digitalisierung bedeutet mehr als nur den Einsatz von digitalen Projekten – jetzt werden ganze Geschäftsprozesse digital transformiert. (Bildquelle: Evernine)

Die aktuelle Studie „Die Illusion von der digitalen Transformation“ der Management- und Technologieberatung BearingPoint zeigt ebenfalls, dass nur 33 Prozent der befragten Unternehmen bereits mit der Digitalisierung der Geschäftsprozesse begonnen haben. Die meisten trauen sich nur mit kleinen Schritten, beispielweise mit der Automatisierung oder Virtualisierung, an die Änderungen heran, es sind aber komplett neue Geschäftsprozesse notwendig. Dies ist bisher nur bei Handels- und Dienstleistungsunternehmen zu finden, da diese bereits ihre kompletten Vertriebskanäle digitalisieren. „Digitalisierungsvorhaben werden bei deutschen Unternehmen häufig noch als Technologielösungen verstanden“, sagt Alexander Broj, Partner bei BearingPoint. Die Studie zeigt weiter, dass Risikovermeidung, fehlende Veränderungsbereitschaft und niedrige Experimentierlust den Unternehmen die Chancen verbauen, die die Digitalisierung bietet. Dies erklärt auch, weshalb bis heute 60 Prozent der großen Unternehmen traditionell geführt werden.

Fachwissen ist gefragt

Damit die Digitalisierung zukünftig auch in deutschen Unternehmen reibungslos und erfolgreich ablaufen kann, braucht es zunächst mehr pfiffige Unternehmer, die neue Marktchancen und digitale Geschäftsmodelle erkennen, sie aber auch realistisch einschätzen können. Darüber hinaus braucht es viel Kreativität, die Fähigkeit, ein interdisziplinäres Team zu inspirieren, und vor allem eines: Fachwissen.

Um solche Digitalisierungsprojekte vorantreiben zu können, ist jedoch nicht nur Wissen über die technologischen Gegebenheiten gefragt. Auch das Wissen über den Kundennutzen aller angedachten Maßnahmen oder das Know-how, welche Prozesse wie angegangen werden müssen, ist entscheidend. Wer hier nicht über genügend Expertise innerhalb des Unternehmens verfügt, sollte auf externe Berater zurückgreifen.

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Digitalisierung als ganzheitliche Strategie

Oftmals machen deutsche Industriebetriebe zudem den Fehler, nur einzelne, kleine Digitalisierungsprojekte in Angriff zu nehmen, statt von Anfang an auf eine allumfassende Strategie zu setzen. Ein Beispiel hierfür wäre die Einführung einzelner digitaler Produkte – diese kleinen Schritte sind zwar schnell geschafft, doch anschließend wähnen sich die Unternehmen fälschlicherweise in Sicherheit.

Solch halbherzig durchgeführte Projekte verdeutlichen, welcher Kardinalsfehler hierzulande noch oft begangen wird: Statt sich zu fragen, wie durch Digitalisierung neue Einnahmequellen generiert werden können, werden häufig nur kleine Projekte angestoßen, durch die bestehende Geschäftsmodelle besser vermarktet werden sollen. So fällt erst nach einiger Zeit auf, wo dringend neue Themen umgesetzt werden müssen oder wo es an Ressourcen mangelt.

Am Ende steht das Digitalisierungsprojekt dann vor Problemen wie Zeitmangel, unklar verteilten Verantwortlichkeiten oder Kompetenzgerangel. All das lässt sich ganz einfach vermeiden, indem im Vorfeld eine klare, ganzheitliche und auf das Unternehmen zugeschnittene Digitalisierungsstrategie erarbeitet wird.

 

Quelle Titelbild: Evernine

Hier schreibt Carla Bösl für Sie

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