21. Juni 2017 | pArtikel drucken | kKommentieren

Ab 2018: Elektronische Zahlung wird in Europa flächendeckend möglich

Anfang 2018 tritt eine neue EU-Richtlinie in Kraft, womit Drittanbieter mit Einverständnis der Kunden über ein zentrales Kundenportal direkt auf private Bankkonten zugreifen können. CANCOM.info zeigt, wie dadurch neue Chancen für die Bezahlung via Smartphone entstehen – und wie sich das Kundenerlebnis weiter verbessert.

Des einen Leid, des anderen Freud. Die zweite Payment Services Directive (PSD2) wird den europäischen Banken voraussichtlich 25 bis 40 Prozent ihrer Nettoerlöse kosten, heißt es in einer englischsprachigen Studie der Unternehmensberatung Roland Berger. Denn ein wesentlicher Teil der neuen EU-Richtlinie PSD2 ist, dass Drittanbieter von Zahlungsdienstleistungen zukünftig auf Kundenauthentifizierungsdaten der Banken zugreifen können.

Betroffen sind jährlich über eine Milliarde Bankkonten in Europa mit 53 Milliarden Karten- und 112 Milliarden bargeldlosen Geldtransaktionen. Gleichzeitig soll der Verbraucherschutz im Zahlungsverkehr deutlich gestärkt werden. So heißt es vom Bundesfinanzministerium, dass Händler in den meisten Fällen keine Gebühren mehr für die Zahlung per Kreditkarte, SEPA-Überweisung und Lastschrift verrichten müssen.

Der Begriff „Drittanbieter“ impliziert hierbei unter anderem als „Fintechs“ bezeichnete Finanz-Start-ups – wie beispielsweise Savedroid. Der Gründer Yassin Hankir könnte laut FAZ.net einer der Profiteure von PSD2 sein. Denn die von ihm entwickelte Smartphone-App analysiert die Geldströme auf einem Girokonto und will dem Kunden beim Sparen helfen, indem sie bei einem Plus automatisch Geld beiseitelegt.


Übrigens: Die 2009 verabschiedete erste EU-Richtlinie für Zahlungsdienste bildete den Rechtsrahmen für Überweisungen und Lastschriftverfahren in dem kurz SEPA genannten einheitlichen Euro-Zahlungsverkehrsraum. Diesem haben sich neben den Euro-Ländern unter anderem die Schweiz, Großbritannien und Norwegen angeschlossen.


Wissen, Besitz und Inhärenz

Die PSD2 genannte neue EU-Richtlinie zielt auf eine weitere Marktöffnung und soll den Zahlungsverkehr vereinfachen. Allerdings ist eine Authentifizierung über mindestens zwei verschiedene Faktoren erforderlich. Artikel 97 von PSD2 unterteilt die möglichen Authentifizierungsfaktoren in folgende drei Kategorien:

Wissen (ein Passwort zum Beispiel)

Besitz (eine Chip-Karte etwa)

Inhärenz (etwas „Anhaftendes“ wie beispielsweise ein Fingerabdruck)

Diese Form der zweifachen Authentifizierung ist zum Beispiel beim Online-Banking das PIN- und TAN-Verfahren einschließlich mTAN und chipTAN. Die iTAN als ausgedruckte TAN-Liste ist seit Ende 2016 aus Sicherheitsgründen nicht mehr zulässig, die smsTAN für Mobile Payment steht wohl auch auf der Kippe, wie Mirko Hüllemann, Gründer der Heidelberg Payment GmbH, in einem Fachartikel erklärt, der unter anderem im ChannelPartner veröffentlicht wurde.

Ein Portal für alle Konten

Mit der Einführung von PSD2 sollen Bankkunden ab dem 13. Januar 2018 die Möglichkeit bekommen, über ein einziges persönliches Portal auf all ihre Bankkonten zuzugreifen. Außerdem sollen Kunden den Drittanbietern erlauben können, eine Zahlung in ihrem Auftrag auszuführen.

Das mag vielleicht wie ein Einbruch in die Bankenwelt klingen, wenn auch Zahlungsdienstleister künftig Zugriff auf Kontendaten haben. Allerdings ergeben sich für Banken daraus auch Chancen.

So können sich Banken und Online-Händler mit neuen Services und komfortablen Authentifizierungsverfahren stärker gegenüber ihren Kunden profilieren, meint Mirko Hüllemann, Geschäftsführer der Heidelberger Payment GmbH.

Neue Kundenerlebnisse in Kontoführung und Zahlungsverkehr

Einige Geschäfte in Deutschland haben schon zaghafte Versuche unternommen, Kunden über Beacons genannte Bluetooth-Sender für die Indoor-Navigation anzulocken und mit elektronischen „Rabattmarken“ oder Payback-Punkten zu belohnen. In anderen Ländern wie den USA ist man hier teilweise schon viel weiter.

Mobile Payment oder Mobile Wallet, also die Zahlung per Smartphone, steckt hierzulande zwar noch in den Kinderschuhen. Dennoch gibt es bereits eine Reihe erfolgreicher Pilotprojekte – vor allem in Berlin. Durch PSD2 sollen der Geldtransfer und das mobile Bezahlen enorm erleichtert werden.

„Disruptives Potenzial“

Das Personal Finance Management (kurz PFM) ist laut Verbraucherumfragen den Banken zwar mehr Anliegen als den Kunden, soll aber mit PSD2 ebenfalls vereinfacht werden. Als eine Möglichkeit nennt Roland Berger die Personalisierung à la „Toms Bank“. Mit der völligen Übersicht über ihre Konten können sich die Kunden künftig neue Sparziele setzen und haben dabei ihre Ausgaben voll im Griff.

Ein Überblick zu den Möglichkeiten von PSD2. (Bild: Roland Berger)

Wolfgang Hach, Partner von Roland Berger im Münchener Headquarter der Unternehmensberatung, sieht in PSD2 Risiken und Chancen für die Finanzinstitute: „Wenn sie das disruptive Potenzial von PDS2 nicht erkennen und nur die regulatorischen Mindeststandards erfüllen, riskieren sie, durch digitale Wettbewerber in ihrer Kundenbeziehung deutlich geschwächt zu werden.“ Andererseits könnten sie durch die neuen Rahmenbedingungen aber auch Kunden gewinnen und ihre Prozesse verbessern. Als mögliche Beispiele nennt die Studie von Roland Berger neuartige benutzerfreundliche Bezahlverfahren sowie digitale Ratings.

Quelle Titelbild: © AlexBrylov / iStock

Hier schreibt Klaus Hauptfleisch für Sie

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