27. Juni 2017 | pArtikel drucken | k1 Kommentar
Digital Health

Digitalisiertes Gesundheitswesen: Warum Deutschland noch zögert

Digitale Patientenakten, Gesundheits-Apps, virtuelle Diagnose und Behandlung von Krankheiten: Die Möglichkeiten, die im Health Sektor durch die Digitalisierung entstehen, sind zahlreich und könnten das Gesundheitswesen komplett revolutionieren. Erfahren Sie hier, warum deutsche Ärzte bisher noch zögern, auf den Digital-Health-Zug aufzuspringen, was sie dadurch verpassen und wie die Hürden überwunden werden können.

Datenbasierte Krebsdiagnose, Online-Arztbesuch oder Gesundheits-Apps – Anwendungsgebiete für digitale Lösungen im Gesundheitswesen gibt es viele. Die Telemedizin begegnet beispielsweise der Problematik des Ärztemangels in ländlichen Gebieten. Apps ermöglichen Patienten mit chronischen Erkrankungen wie Diabetes oder Bluthochdruck, ihren Gesundheitszustand besser zu beobachten als je zuvor.

Deutschland zögert in Sachen Digital Health

Digital Health: Segen für den Patienten, Fluch für den Facharzt?

Vernetzung elektronischer Gesundheitsdaten: Segen für den Patienten, Fluch für den Facharzt? (Bild: monkeybusinessimages / iStock)

Doch Deutschland macht sich die Chancen von Digital Health kaum zunutze und gilt im internationalen Vergleich eher als Nachzügler. Das liegt nicht zuletzt daran, dass Ärzte aufgrund datenschutzrechtlicher Bedenken oftmals die Bremse ziehen.

Auch investieren Kliniken hierzulande grundsätzlich wenig in IT, wie etwa die ÄrzteZeitung schreibt. Während in den USA rund 8 Prozent des Gesamtbudgets für IT eingesetzt werden, sind es in Deutschland nicht einmal 2 Prozent, wie ein prominenter IT-Spezialist von IBM bestätigt.

Ein weiteres Problem ist, dass Ärzte selbst kaum von Digital Health profitieren. Die Digitalisierung des Gesundheitswesens zielt in erster Linie bisher auf eine Verbesserung für den Patienten und das Versorgungssystem ab. Der Nutzen und die Auswirkung auf die Ärzte wurde hierbei jedoch kaum berücksichtigt. Hier sind Lösungen gerade erst im Entstehen.

So könnte Big Data dem Gesundheitswesen nutzen

In der Pharma-Branche rechnen Unternehmen etwa damit, dass sie innerhalb der nächsten acht Jahre auf der Grundlage von Big Data Analysen individualisierte Medikamente für Patienten herstellen können – das geht zumindest aus einem Beitrag von „Pharma Fakten“ hervor, der sich auf eine Studie des Bitkom bezieht. Ärzte hätten so die Möglichkeit, eine maßgeschneiderte Medikation – auf Basis sämtlicher Patientendaten – binnen Sekunden für ihre Patienten zusammenzustellen.

Für die Krebsdiagnostik könnte Big Data ebenfalls von Vorteil sein. Das sogenannte „Projekt HARMONY“ nutzt etwa anonymisierte Patientendaten aus dem Internet und lokalen Speichern als Basis für Diagnosen. Gleicht ein Arzt die Akte eines seiner Patienten mit dieser Datenbank ab, soll Harmony das potentielle Krebsrisiko der Person ausrechnen – beispielsweise auf Basis von Vorerkrankungen, Blutgruppe, Ernährung und mehr.

Wie Deutschland die Digital-Health-Hürden überwinden kann

Unternehmen wie Apple machen bereits im Consumer-Bereich – beispielsweise mit der App „Healthbook“ oder der Apple Watch – erste Schritte in ein digitales Gesundheitswesen. Verfolgt man einen möglichen Gedanken von Digital Health weiter, so ist es laut ÄrzteZeitung durchaus möglich, dass schon in einem Jahrzehnt Algorithmen bessere medizinische Diagnosen treffen können als Menschen. Das ermöglicht ein Szenario, in dem Internetgiganten Diagnosen für geringe Budgets anbieten und den Markt beherrschen.

Um dem zu entgegnen, sollte Deutschland seine führende Position im medizinischen Wissen nutzen. Die Hemmnisse in Bezug auf Digital Health sollten verstärkt diskutiert und überwunden werden, wenn sich das deutsche Gesundheitswesen innerhalb der nächsten fünf Jahre noch als neue Health-Instanz etablieren will.

Hierfür müssen zunächst finanzielle Anreize für Ärzte gesetzt werden, um die Abwehrhaltung bezüglich der Digitalisierung des Gesundheitswesens zu reduzieren. Zudem sollten große Innovationsprojekte einfacher finanzielle Unterstützung erhalten. Oft scheitern Innovationsprojekte in Richtung Digital Health nämlich nicht an der Abwesenheit von interessierten Forschern und Ärzten, sondern vielmehr daran, dass zu wenig finanzielle Mittel vorhanden sind, diese durchzuführen. Die ausführlichen Debatten über den Datenschutz, die die Digitalisierung des Gesundheitssektors bislang verzögert haben, könnten Deutschland langfristig zu Gute kommen. „Datenschutz made in Germany“ könnte sozusagen als Gütesiegel bei der weltweiten Vermarktung von medizinischen Services genutzt werden.

 

Quelle Titelbild: alvarez / iStock

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