18. September 2019 | pArtikel drucken | kKommentieren
Tijen Onaran (Gründerin von Global Digital Women) im Interview

„Diversität ist mehr als nur ein Nice-to-have-Faktor“

Tijen Onaran ist Gründerin der Organisation „Global Digital Women“. Im Interview führt sie aus, warum Diversität und ein angemessener Frauenanteil für Unternehmen essentiell ist, um im digitalen Zeitalter erfolgreich zu sein. Außerdem geht sie darauf ein, wie ihre Organisation das Thema Diversität fördern möchte.

CANCOM.info: Zum Thema Diversität gehört die Geschlechtervielfalt wesentlich dazu – also ein ausgewogener Anteil von Männern und Frauen. In vielen Unternehmen ist das bisher nicht gegeben. Inwiefern profitieren Unternehmen von einem höheren Frauenanteil?

Tijen Onaran:  Diverse, wissenschaftliche Erhebungen haben Unternehmen mit Frauen in den obersten Führungslevels analysiert. Diese haben festgestellt, dass diejenigen Firmen, die einen höheren Frauenanteil haben, finanziell erfolgreicher sind. Tatsächlich spielen Frauen in der Digitalisierung eine ausschlaggebende Rolle, weil sie klassische Unternehmenskulturen eher hinterfragen und kollaborative Arbeitsweisen mehr in den Vordergrund stellen. Um Frauen in der Digitalisierung sichtbar zu machen und sie stärker miteinander zu vernetzen, haben wir die Organisation „Global Digital Women“ ins Leben gerufen. Für mich ist Diversität mehr als nur ein „Nice-to-have-Faktor“, sondern essentiell, damit Unternehmen im digitalen Zeitalter wettbewerbs-, überlebens- und innovationsfähig bleiben. Aber mir ist natürlich bewusst, dass Diversität nicht nur Geschlechtervielfalt beinhaltet.

CANCOM.info: Der Fachkräftemangel in Deutschland verschärft sich ja zunehmend. Ist Diversität für Unternehmen eine Möglichkeit, Fachkräfte oder neue Talente zu gewinnen?

Tijen Onaran: Ja, absolut. Ich erkenne da eine klare Tendenz. Experten haben analysiert, worauf die jungen Talente, die jetzt in die Jobs kommen, bei der Arbeitgeberwahl Wert legen. Der ausschlaggebende Punkt ist Diversität. Sprich: Junge Talente achten bei der Arbeitgeberwahl darauf, wie divers Unternehmen aufgestellt sind. Geschlecht ist hier eine Komponente – Diversität meint aber auch Nationalitäten, Branchen und Altersklassen. Divers zusammengestellte Teams sind innovativer und bieten eine umfangreiche Expertise im Team. Der Erfolg von Global Digital Women verdeutlicht: Unternehmen machen sich auf den Weg, diverser zu werden und engagieren sich, um zukunftsfähig zu bleiben.

CANCOM.info: Sie sagen, dass Diversität im digitalen Zeitalter für Unternehmen ein entscheidender Wettbewerbsfaktor ist – auch angesichts des Fachkräftemangels. Gerade die Digitalbranche hat aber paradoxerweise noch Nachholbedarf. Denn hier dominieren bisher die Männer. Welche Gründe machen Sie dafür fest?

Tijen Onaran: Ein wichtiger Grund ist, dass es besonders in der Tech-Branche sehr viele Start-Ups gibt. Diese jungen Unternehmen sind noch sehr männer-dominiert. Der ausschlaggebende Punkt ist aber, dass in der Schule schon Stereotype fabriziert werden – genau in dem Zeitraum, in dem man die Weichen für die Zukunft stellt. Jungen Mädchen wird weniger zugetraut, eines Tages in einem Digital-Job zu landen, als Jungs. Sie stellen sich selbst infrage bzw. trauen sich nicht zu, künftig in einem Tech-Unternehmen zu arbeiten. Das muss dringend angegangen werden. Einige Schulen beschäftigen sich damit, indem sie digitale Vorbilder einladen.

CANCOM.info: Wie gestalten sich diese Veranstaltungen? Sind diese Vorbilder eher männlich oder weiblich?

Tijen Onaran: Es ist wichtig, sowohl weibliche als auch männliche Vorbilder zu zeigen. Statistiken haben allerdings ergeben, dass die Wirkung von weiblichen Vorbildern auf junge Frauen elementar für ihre Weiterentwicklung ist.

CANCOM.info: Sie sagen, Start-Ups seien männer-dominiert. Legen Start-Ups also wenig Wert auf Diversität?

Tijen Onaran: Nach meinen Beobachtungen setzen sich viele Start-Ups mit dem Thema Diversität kaum auseinander. Ich kann das nachvollziehen: Du bemühst dich, effizient und schnell zu sein. Du möchtest Talente ins Team zu holen, die passen oder ein ähnliches Mindset haben. Da durchdenkst Du das Thema Diversität vielleicht nicht zu Beginn, weil es für Dich irrelevant ist. Das ist aber schon der Grundfehler. Diversität muss von Anfang an in die Unternehmenskultur miteinbezogen werden. Sonst ist eine Etablierung unmöglich. Da sehe ich bei Start-Ups einen starken Mangel.


Bild: © Urban Zintel

„Mein Ziel ist es, dass das Geschlecht keine Rolle mehr spielt.“

Tijen Onaran, Gründerin der Organisation „Global Digital Women“


CANCOM.info: Welche Unternehmen bzw. Unternehmensgrößen sind denn bereits auf einem guten Weg in Richtung Diversität?

Tijen Onaran: Ich sehe, dass sich Konzerne als auch Mittelständler auf den Weg machen und verstanden haben, dass sie in dieser Hinsicht investieren müssen. Das Ausschlaggebende ist immer: Steht der CEO eines Unternehmens, ob männlich oder weiblich, hinter dem Thema Diversität? Das Commitment seitens des CEO muss vorhanden sein, damit Diversität gelebt und umgesetzt wird. Mittlerweile wird bemerkt, dass die traditionelle Arbeitsweise nicht mehr zeitgemäß ist. Heute muss man neu denken, weil die Projekte vielfältiger, größer und internationaler geworden sind. Und dafür spielen diverse Teams eine wichtige Rolle. Allerdings geben die obersten Führungsriegen, sprich auf Vorstandsebene, teilweise noch ein sehr trauriges und homogenes Bild ab. Genau das möchten wir als Global Digital Women ändern.

CANCOM.info: Möchte Global Digital Women auch die Männer miteinbinden, wenn es darum geht, das Thema Diversität voranzutreiben?

Tijen Onaran: Ja, natürlich. Wir machen das bereits aktiv. Erstens ist die Jury des Digital Female Leader Awards divers besetzt. Zweitens haben wir ein Format, das sich „Man of the month“ nennt: Auf Instagram oder auf anderen Kanälen interviewen wir Männer, denen das Thema Diversität aus ganz unterschiedlicher Motivation ein Herzensanliegen ist. Drittens bemerken wir auf unseren Events, dass immer mehr Männer kommen, weil unsere Veranstaltungen inhaltlich die Themen Digitalisierung und Innovation behandeln – und Diversität ein Treiber dafür ist. Ich mache Global Digital Women nicht nur aus dieser geschlechtergetriebenen Debatte heraus. Tatsächlich spaltet eine solche Debatte beide Geschlechter eher, als dass es sie zusammenbringt. Denn mein Ziel ist es, dass das Geschlecht keine Rolle mehr spielt. Dass wir keine Schlagzeilen mehr haben wie: „Die Frau hat’s endlich geschafft“ oder „Wie fühlst Du dich als Frau im Job?“, sondern dass es wirklich um den Menschen selbst geht. Um die Expertise, den Erfahrungswert und die Geschichte dahinter.

CANCOM.info: Wie Sie gerade erwähnt haben, veranstaltet Global Digital Women regelmäßig Events – vor Kurzem auch bei CANCOM. Welchen Eindruck konnten Sie gewinnen?

Tijen Onaran: Ich bin immer noch nachhaltig beeindruckt. Das klingt vielleicht übertrieben, entspricht aber der Wahrheit. Es waren über 100 Leute aus ganz unterschiedlichen Branchen zu Besuch. Ich hatte einige Gespräche mit Thomas Volk, dem CEO von CANCOM. Dort habe ich gemerkt, dass er jemand ist, der mit internationaler Expertise das Thema Diversität in verschiedenen Dimensionen betrachtet. Für ihn ist das Thema selbstverständlich. Und genau das meine ich mit dem Commitment von einem CEO.

Hintergrund zur Expertin

Tijen Onaran ist Gründerin der Organisation „Global Digital Women“ – das weltweit größte Frauennetzwerk im Bereich der Digitalisierung. Ein wichtiges Ziel ist es, Frauen in der männerdominierten Digitalbranche sichtbar zu machen – und so das Thema Diversität in diesen Unternehmen voranzutreiben.

Neben ihrer Tätigkeit bei Global Digital Women arbeitet Tijen Onaran unter anderem als Moderatorin, Speakerin, Kolumnistin und Autorin. 

Quelle Titelbild: © Urban Zintel

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