10. Januar 2020 | pArtikel drucken | kKommentieren

„Die Relevanz von KI steigt signifikant“

Das Thema Künstliche Intelligenz (KI) kommt zunehmend in Unternehmen an. Laut KI-Experte Udo Würtz von Fujitsu beeinflusst KI nachhaltig etablierte Gütesiegel wie „Made in Germany“. Wieso das der Fall ist und wie Unternehmen KI-Technologien erfolgreich in ihrem Betrieb implementieren können, führt er im Interview aus.

CANCOM.info: Es gibt wohl kaum ein Unternehmen, das noch nichts vom Thema KI gehört hat. In Ihrer Position bei Fujitsu als Distinguished Engineer und Stellvertretender CTO Products Europe beschäftigen Sie sich intensiv mit der Thematik. Unter anderem halten Sie regelmäßig Vorträge und veröffentlichen Paper dazu. Wieso ist KI für Unternehmen so relevant?

Udo Würtz: Dies liegt vor allem daran, dass KI etablierte Strukturen aufbricht. Nehmen Sie Deutschland als Beispiel. Hierzulande gibt es sehr viele Firmen, die in ihrer Nische weltmarktführende Produkte bauen. Diese Unternehmen konnten sich bislang sicher fühlen, weil sie etwas schafften, woran sich viele Nationen regelmäßig die Zähne ausgebissen haben: Sie bauten für ihren Bereich sehr gute, langlebige und zuverlässige Produkte. So hat sich über Jahre das Gütesiegel „Made in Germany“ etabliert. Mit der Nutzung von KI-Technologie wird der Markt neu aufgeteilt. Denn dadurch ist es möglich, Produktschwächen auszugleichen – und neue Produkte konkurrenzfähig werden, die zuvor klar unterlegen waren.

CANCOM.info: Können Sie ein Beispiel für diesen „Ausgleich“ durch KI geben?

Udo Würtz: Ein Beispiel ist der Bereich Maschinenbau. Wenn andere Unternehmen Maschinen anbieten, die für Produktionen eingesetzt werden und eigentlich gut, aber unzuverlässiger funktionieren, lässt sich dieser Nachteil nun mit dem Einsatz von KI relativieren. Ein klassischer Anwendungsfall ist Predictive Maintenance. Damit ist es möglich, Maschinen zu überwachen, Ausfälle frühzeitig und präzise vorherzusagen – und so einen tatsächlichen Ausfall der Maschinen zu vermeiden. Schließlich bekommt der Hersteller genügend Zeit, um etwa die fehlerhaften Teile auszutauschen. Das heißt: Mit dem Einsatz von KI funktionieren diese Maschinen auf einmal zuverlässiger. Gleichzeitig können sie deutlich billiger angeboten werden, weil sie häufig aus Ländern mit niedrigeren Herstellungskosten kommen. Auf diese Weise lassen sich etablierte Märkte nachhaltig attackieren.

CANCOM.info: Im Umkehrschluss bedeutet das also: Um konkurrenzfähig zu bleiben, müssen Unternehmen in Deutschland auf KI setzen – selbst wenn sie einen Nischenbereich bedienen.

Udo Würtz: Genau. Ich nehme regelmäßig Kundentermine in Deutschland wahr und kann sagen: Die Relevanz von KI für Unternehmen steigt signifikant.

CANCOM.info: Würden Sie bestimmte Branchen identifizieren, bei denen sich KI-Technologie besonders lohnt?

Udo Würtz: Wie gerade erwähnt, gehören auf jeden Fall Unternehmen dazu, die Maschinen herstellen. Das hilft nämlich nicht nur dem Standort Deutschland sondern auch den gesamten „Made in Germany“- und Mittelstands-Umfeld. Weitere Branchen sind der Healthcare- oder Finance-Bereich. Tatsächlich sind Banken oder Börsen schon relativ weit fortgeschritten. Beispielsweise funktioniert das Trading von Aktien bereits über Algorithmen.

CANCOM.info: Welche Schritte müssen Firmen nun angehen, um KI im Betrieb einzuführen?

Udo Würtz: Zu Beginn steht immer, den genauen Bedarf für KI-Lösungen zu ermitteln. Und das muss über den C-Level kommen. Das heißt: Je nach Firmenorganisation stehen die Geschäftsführung oder der CIO oder CTO in der Pflicht. Denn eines muss jedem Unternehmen bewusst sein: KI ist ein strategisches Thema. Es ist kein Stück Infrastruktur, wie Server oder Storage, das ich einsetze, um meine IT zu optimieren. KI ist ein fremder Baustein, den ich sinnvoll und ganzheitlich in den Betrieb integrieren muss.

CANCOM.info: Gibt es bestimmte Kriterien, mit denen Unternehmen „sinnvolle“ KI-Lösungen identifizieren können?

Udo Würtz: Das zentrale Kriterium lautet Wettbewerbsfähigkeit. Die Lösungen müssen so konzipiert sein, dass daraus nachhaltige Unternehmensvorteile entstehen. Sonst macht KI wenig Sinn. Grundsätzlich bestehen zwei Möglichkeiten, wie Firmen mit KI-Lösungen ihre Wettbewerbsfähigkeit erhöhen können. Der erste Weg geht über Kostensenkungen. Das heißt: Unternehmen analysieren mithilfe von KI bestehende Prozesse, verbessern diese – und machen sie damit kosteneffizienter. Der zweite Weg geht über die Entwicklung von Innovationen. Das bedeutet einerseits, dass Firmen etablierte Produkte an den Markt bringen, die sich durch KI-Technologie von der Konkurrenz abheben. Ein Beispiel ist das bereits angesprochene Thema Predictive Maintenance bei Maschinen. Hier bieten wir als Fujitsu fertige Lösungen an, die wir schon bei Kunden platziert haben. Andererseits heißt es, völlig neue KI-basierte Konzepte zu entwickeln. Ein solches Konzept sind etwa selbstfahrende Fahrzeuge.

CANCOM.info: Nehmen wir an, ein Unternehmen hat seine KI-Strategie entwickelt. Wie gelingt die praktische Umsetzung?

Udo Würtz: Um KI-Projekte zu realisieren, benötigen Firmen entsprechend ausgebildete Mitarbeiter.  In vielen Fällen haben sie diese nicht und müssen neue einstellen. Vor allem für mittelständische Unternehmen ist das allerdings eine enorme Herausforderung. Denn neue Mitarbeiter im KI-Bereich sind schwer zu bekommen. Der Markt ist ziemlich leer gefegt – und die guten Leute können sich den Betrieb quasi aussuchen.

CANCOM.info: Was können Unternehmen tun, wenn sie das benötigte Personal nicht bekommen?

Udo Würtz: Sie können beispielsweise auf externe Dienstleister setzen. Der Dienstleister nimmt den Kunden an die Hand, setzt KI-Projekte um, übernimmt das Consulting. Aktuell ist das ein extrem wachsender Markt.


Bild: © Fujitsu

„KI ist ein fremder Baustein, den ich sinnvoll und ganzheitlich in den Betrieb integrieren muss.“

Udo Würtz, Distinguished Engineer und Stellvertretender CTO Products Europe bei Fujitsu sowie Verfasser von Blogs und Präsentator zum Thema KI, mit Blick auf die Implementierung von KI-Lösungen in Unternehmen


CANCOM.info: Wie Sie vorhin erwähnt haben, stehen Sie im regelmäßigen Kundenkontakt. Wie würden Sie gerade im deutschen Mittelstand den Status quo beschreiben? Erkennt die Geschäftsführung, dass sie das Thema KI einführen muss?

Udo Würtz: Ja. Aktuell habe ich beispielsweise Termine mit einem mittelständischen Unternehmen, das Mitarbeiter im großen zweistelligen Bereich einstellt, um KI-Projekte durchzuführen. Die sagen: Der KI-Markt explodiert gerade. Aber natürlich muss man in diesem Zusammenhang auch beachten, was KI eigentlich ist. Wenn wir heute über KI im Unternehmensumfeld sprechen, sind das keine sprechenden Roboter, die sich menschenähnlich verhalten. Davon sind wir ehrlich gesagt Lichtjahre entfernt. Vielmehr bedeutet KI Mathematik und Statistik. Es sind Systeme, die saubere und strukturierte Daten, also eine gute Datenbasis, benötigen. Und möglichst viel davon. Sonst funktionieren sie nicht. Das bedeutet aber wiederum, dass Firmen moderne Storage-Lösungen brauchen, auf denen sie die Daten speichern können.

CANCOM.info: Das klingt relativ aufwendig. Ist jedes Unternehmen in der Lage, eine solche umfangreiche und qualitativ hochwertige Datenbasis zu schaffen?

Udo Würtz: Nein, dafür sind viele Firmen zu klein. Sie können aber Kooperationen schließen. Wie das funktionieren kann, zeigt beispielsweise die Healthcare-Branche. Wenn ein Krankenhaus ein KI-System mit Daten von Röntgenaufnahmen füttern möchte, damit das System bei einem Röntgenbild Prognosen abgeben kann, macht es Sinn, mit anderen Krankenhäusern zusammenzuarbeiten. Um gemeinsam eine möglichst große und gute Datenbasis zu schaffen. Aber natürlich hängt es immer davon ab, von welchen Datenmengen man am Ende redet.

CANCOM.info: Neben der richtigen Strategie und Umsetzung hängt der Erfolg von KI ja auch davon ab, wie groß das Vertrauen in die Technologie ist. Das geht aus einer aktuellen Deloitte Studie hervor. Laut Studienautoren ist dieses in vielen Unternehmen noch ausbaufähig. Wie erleben Sie das aus Ihrer Erfahrung?

Udo Würtz: Prinzipiell ist das Vertrauen in KI sehr unterschiedlich ausgeprägt. Was ich aber häufig erlebe, sind übertrieben hohe Erwartungen. Man muss sich bewusst sein: Eine KI ist zwar künstlich, aber nicht intelligent. Eine KI, die mit einer Million Katzenbilder trainiert wird und jede Katze identifizieren kann, ist nicht in der Lage, einen einzigen Hund zu erkennen. Für den Menschen ist das ein Leichtes. Wie bereits angesprochen, sind wir meilenweit von menschenähnlichen Robotern entfernt. KI ist Mathematik und setzt auf Technologien, die teilweise über 30 Jahre alt sind. Zum Beispiel wurde Python, die beliebteste Programmiersprache im KI-Umfeld, im Jahr 1984 erfunden. Um den Gartner Hype Cycle zu zitieren, befinden wir uns momentan am Punkt „Inflated Expectation“ – also überhöhte Erwartungshaltung. Das wird sich ändern, sobald Unternehmen Erfahrung gesammelt haben und wissen, welche KI-Projekte sinnvoll sind – und welche nicht.

CANCOM.info: Wird dieser Hype, den Sie gerade beschrieben haben, folglich in Zukunft abklingen?

Udo Würtz: Er wird sich in gesetzte Linien bewegen. Firmen werden zunehmend die richtigen Anwendungsfälle für KI herauskristallisieren und auch umsetzen. Dass der Hype in sich zusammenfällt, glaube ich allerdings nicht. Dafür ist KI zu weit fortgeschritten.

CANCOM.info: Wenn wir schon bei Prognosen sind: Wie wird sich KI im Unternehmensumfeld in den nächsten Jahren entwickeln?

Udo Würtz: KI-Technologie wird immer stärker in Produkte und Systeme integriert sein. Gerade im Gesundheitsweisen wird die Technologie massiv zum Einsatz kommen – um Krankheiten frühzeitig zu erkennen und wesentlich effizienter zu bekämpfen oder emotionales Verhalten zu analysieren. Zum Beispiel kann eine KI schon heute Veränderungen innerhalb des Auges erfassen, die für den Menschen unsichtbar sind. Damit ist es möglich, sehr früh Behandlungsmethoden zu entwickeln. Fujitsu hat da einiges auf dem Forum in Japan gezeigt.

CANCOM.info: Die Gesundheitsbranche entwickelt sich also extrem in Richtung KI. Aber lässt sich nicht sagen, dass Unternehmen jeder Branche KI-Lösungen benötigen – wenn auch in unterschiedlichen Ausprägungen?

Udo Würtz: Ja, das kann man so sagen. Ich gehe davon aus, dass zahlreiche Unternehmen in Zukunft verstärkt an KI-Themen arbeiten werden – vor allem aus Gründen der Wettbewerbsfähigkeit.

Hier erfahren Sie weitere Informationen zum Thema KI und Fujitsu.

Hintergrund zum Experten

Udo Würtz ist als sogenannter Distinguished Engineer und Stellvertretender CTO Products Europe bei Fujitsu tätig. In seiner Position beschäftigt er sich täglich mit Themen rund um KI-Technologie – wie Machine Learning oder Deep Learning. Um Kollegen und Kunden über KI auf dem Laufenden zu halten, hat Udo Würtz kürzlich den Youtube-Kanal „WieGehtKI“ ins Leben gerufen. Außerdem hält er regelmäßig Präsentationen zum Thema KI.

Quelle Titelbild: © geralt/pixabay.com

Hier schreibt Christian Schinko für Sie

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