22. Juli 2020 | pArtikel drucken | kKommentieren
Künstliche Intelligenz

KI-Vorreiter von Coronakrise kaum betroffen

Unternehmen, die beim Thema Künstliche Intelligenz (KI) führend sind, zeigen sich von der Coronakrise wenig beeindruckt. So setzt eine deutliche Mehrheit dieser Firmen ihre KI-Initiativen wie vor der Pandemie fort. Zu diesem Schluss kommt eine aktuelle Studie von Capgemini. Wie die Autoren hervorheben, führt der Einsatz von Künstlicher Intelligenz unter anderem zu Absatzsteigerungen und reduzierten Sicherheitsrisiken.

Konkret treiben laut Studie 78 Prozent der KI-Vorreiter unter den befragten Unternehmen ihre KI-Initiativen unbeirrt voran – mehr als jeder fünfte Betrieb sogar mit höherer Geschwindigkeit. Als Vorreiter definieren die Autoren Firmen, die KI-Anwendungen skalieren können und bereits eine größere Anzahl solcher Anwendungen in verschiedenen Teams erfolgreich eingeführt haben.

Ganz anders sehe die Situation bei den Nachzüglern aus, die KI noch nicht skalierbar anwenden. Hier würden 43 Prozent angesichts der COVID19-Pandemie ihre Investitionen zurückfahren, 16 Prozent hätten ihre KI-Initiativen sogar eingestellt. Zu diesem Schluss kommt die aktuelle Studie „The AI Powered Enterprise: Unlocking the potential of AI at scale“, für die das Capgemini Research Institute 950 Unternehmen aus elf Ländern und elf Branchen befragt hat. Speziell auf Deutschland bezogen, würden 44 Prozent ihre KI-Initiativen unverändert weiterführen. 8 Prozent hätten ihre Geschwindigkeit gesteigert, knapp jedes fünfte Unternehmen hätte seine Aktivitäten in diesem Umfeld gestoppt.

Dass sich der Einsatz von Künstlicher Intelligenz lohnt, geht klar aus der Studie hervor. So geben die KI-Vorreiter mehrheitlich an, dass sie mit der Technologie den Vertrieb von Produkten und Services um mindestens ein Viertel steigern können. Gleichzeitig sei es damit möglich, die Anzahl an Kundenbeschwerden sowie der Sicherheitsrisiken deutlich zu senken (mindestens 25 Prozent).

Life-Science-Industrie ist führend

Der Studie zufolge ist die Life-Science-Industrie aktuell vorne, wenn es um die Nutzung von KI-Lösungen geht. Demnach setzen hier 27 Prozent die KI-Technologie in der Praxis ein. Nur knapp vier von zehn Unternehmen aus dieser Branche hätten ihre Investitionen in Künstliche Intelligenz gesenkt oder komplett eingestellt. Im Kontext der Pandemie seien virtuelle Assistenten, Chatbots und Corona-Warn-App besonders gefragt.

Nach der Life-Science-Industrie folgt laut Studie der Handel (21 Prozent) sowie die Automobilbranche (17 Prozent). Am wenigsten würden derzeit Branchen wie das Bankenwesen (5 Prozent) oder der Energiesektor (3 Prozent) Künstliche Intelligenz verwenden.

Das sind die Voraussetzungen für den KI-Einsatz

Doch was müssen Firmen beachten, um KI-Lösungen erfolgreich zu implementieren? Die Studienautoren nennen vier Aspekte.

1. Qualitativ hochwertige Daten

Um KI-Lösungen einzusetzen und zu skalieren, benötigen Unternehmen eine gute Datenqualität. Das heben die Studienautoren hervor. Ähnlich äußert sich KI-Experte Udo Würz von Fujitsu im CANCOM.info-Interview: „Wenn wir heute über KI im Unternehmensumfeld sprechen, sind das keine sprechenden Roboter, die sich menschenähnlich verhalten. Davon sind wir ehrlich gesagt Lichtjahre entfernt. Vielmehr bedeutet KI Mathematik und Statistik. Es sind Systeme, die saubere und strukturierte Daten, also eine gute Datenbasis, benötigen. Und möglichst viel davon. Sonst funktionieren sie nicht.“

Laut Studie ist vor allem eine effektive Datenverwaltung erforderlich, um die notwendige Datenqualität zu gewährleisten. Damit das funktioniert, müssten Firmen Technologieplattformen wie Hybrid Cloud-Architekturen implementieren. Tatsächlich birgt dieses Cloud-Modell gegenüber einer Private oder Public Cloud entscheidende Vorteile und wird im Unternehmensumfeld zunehmend eingesetzt bzw. in Betracht gezogen (CANCOM.info berichtete).

2. KI-Experten

Häufig scheitern Unternehmen bei der Einführung und Skalierung von KI-Lösungen an einem wesentlichen Kriterium: dem Personal. So geben 70 Prozent der in der Studie befragten Unternehmen an, dass ihnen dafür geeignete Mitarbeiter auf mittlerem und hohem Erfahrungslevel fehlen. Dies sei ein großes Problem: Wie die Studienautoren betonen, sind ausgewiesene KI-Experten für die erfolgreiche praktische Umsetzung entscheidend.

Unter anderem bräuchten Firmen einen KI-Leiter, der Richtlinien entwirft, um die Einsatzszenarien von Künstlicher Intelligenz priorisieren und dabei ethische und sicherheitsrelevante Aspekte festlegen zu können.

3. Berücksichtigung der ethischen Dimension

Dass neben der Security auch die Ethik eine wichtige Rolle für den KI-Einsatz spielt, machen die Studienautoren deutlich. Demnach müssen Unternehmen wissen, auf welche Weise und aus welchem Grund ihr KI-System zu den jeweiligen Ergebnissen kommt. Sonst sinke das Vertrauen – sowohl von den Führungskräften als auch den Kunden.

Hier herrsche noch Nachholbedarf. Wörtlich heißt es: „Die Studie verdeutlicht, dass viele Unternehmen sich mit ethischen Aspekten nicht ausreichend auseinandersetzen, obwohl eine ethische KI im Fokus bei Verbrauchern und verschiedener Regulierungsmaßnahmen steht.“

4. Hybrides Steuerungsmodell

Was ein solches Modell auszeichnet, erklärt Fabian Schladitz, Leiter des KI Center of Excellence bei Capgemini in Deutschland: „Erfolgreiche KI-Initiativen basieren oft auf einem hybriden Steuerungsmodell, bei dem ein zentrales Team für die Strategie und Evaluation der Maßnahmen verantwortlich ist, während die operative Umsetzung in den jeweiligen Teams erfolgt.“

Über ein solches zentrales Team würden 79 Prozent der KI-Vorreiter auch verfügen. Auf alle in der Studie befragten Unternehmen bezogen, seien es 34 Prozent (in Deutschland: 49 Prozent).

Fazit

Die Studie von Capgemini zeigt: Wer zu den KI-Vorreitern gehört, ist von der Corona-Pandemie eher unbeeindruckt und führt seine KI-Initiativen fort – im Gegensatz zu den Nachzüglern, die ihre Investitionen in diesem Umfeld zurückfahren oder ganz einstellen.

Dass es nicht einfach ist, das Thema KI im Betrieb voranzutreiben, geht klar aus der Studie hervor. So müssen Firmen verschiedene, mitunter hohe, Hürden nehmen – wie eine qualitativ hochwertige Datenbasis zu schaffen, KI-Experten einzustellen oder ein hybrides Steuerungsmodell zu etablieren. Dass sich diese Mühen lohnen, steht für die Studienautoren allerdings fest. Demnach können KI-Vorreiter nicht nur den Vertrieb ihrer Produkte und Services steigern – sondern auch Sicherheitsrisiken und Kundenbeschwerden signifikant reduzieren.

Mehr Informationen zum Thema Künstliche Intelligenz lesen Sie hier.

Quelle Titelbild: © geralt/Pixabay

Hier schreibt Christian Schinko für Sie

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